Nachteinsatz für Alleinerziehende

Ich bin die Tage öfter mal Alleinerziehender, oder etwas schlichter gesprochen, Strohwitwer, wenn die Angetraute auf Geschäftsreisen in die Schweiz muß, so auch heute.

Das als Vorbemerkung für die folgende Episode: Gestern abend gingen Lisa und Christian den Umständen entsprechend anstandslos zu Bett und waren kurz danach eingeschlafen. Papi drückte ein wenig Tasten am Computer, als plötzlich, es war halb elf geworden, Christian zu weinen begann. Aha, entweder ein biologisches Malheur oder ein schlechter Traum, das kennt man, das kann man reparieren, das hat man oft geübt.

So war es nicht. Er ließ sich nicht beruhigen. Er weinte und weinte in einer Art Halbschlaf, ähnlich einem Nachtschreck/Pavor, aber auch ein Pavor geht irgendwann vorbei. Dies nicht. Und während ich den weinenden Kleinen zu beruhigen versuchte, war er auch in gewissen Grenzen ansprechbar, und erklärte mir schließlich jammernd, er habe Schmerzen, „es“ tue ihm so weh.

Lange Geschichte kurz zusammengefaßt: ich gab ihm Ibuprofen-Saft, die beklagten Schmerzen ließen nicht nach. Ab und zu dämmerte er ein, aber immer nur für eine Viertelstunde, dann wie vor. Mir schien es mehr, als jammere er, weil er nicht schlafen konnte, als wegen Schmerzen, dennoch: um 1:00 Uhr rief ich den Notruf. Es erschienen (wie schon einmal, das einzige weitere Mal, als wir den Notruf riefen) drei freundliche, aber sehr junge Rettungssanitäter, aber kein Arzt, nach etwa einer Viertelstunde, ohne Blaulicht. Anscheinend löst die Meldung „Kleinkind mit unklaren Schmerzen“ in der Münsterstraße nicht eben Hektik aus. Aber gut so, langer Rede kurzer Sinn: Christian war inzwischen wiederum eingeschlafen… wurde von den Sanis sehr freundlich geweckt, schaute sie mit großen Augen an – und war ruhig und entspannt, kein Wort von Schmerzen, kein Weinen.

Sanis können da natürlich nur eins anbieten: Mitnehmen zur Abklärung. Und da saß ich nun, mit einer friedlich schlafenden Lisa und ohne Mami, und zudem mit einem friedlich dämmernden Kind. Ein Notfallhandy-Anruf bei Dr. Sch. brachte auch keine Klärung, wenn sich die Mittelohrentzündung, die Christian vor zwei Wochen hatte, die aber eigentlich scheinbar längst ausgeheilt war, in den Knochen hineingefressen hätte, würde das die Symptome erklären und dann würde nur Röntgen helfen – aber die Symptome waren ja verschwunden!

Am Ende war es Pragmatismus, der mich entscheiden ließ, die Retter wieder wegzuschicken. Sie versicherten mir, nicht böse zu sein, und daß ich sie jederzeit wieder rufen könne, sollte es wieder schlimmer werden. Klaro: Christian schlief friedlich durch, war am Morgen wohlauf, und konnte sich zu allem Überfluß an nichts erinnern…

Auch jetzt weiß ich noch nicht, was da genau geschehen ist, muß abwarten, wie es ihm heute nachmittag nach dem Kindergarten geht, aber ich vermute, meine erste Diagnose – Pavor, zusammen mit Frustration über das folgende Nichteinschlafenkönnen – war richtig. Ich hatte wohl nicht hinreichend realisiert, daß er niemals richtig wach gewesen war, daß er erst von den Sanitätern ganz geweckt wurde, und damit aus der „Schleife“ herauskam.

Und ich habe gelernt, wie sich ein alleinerziehender Mensch fühlen muß, wie wichtig die Rückkopplung mit dem Partner ist, um gemeinsam eine Situation zu analysieren, in der einer allein nur noch Bäume sieht und keinen Wald. Wichtig, um zur Gelassenheit zurückzufinden, denn noch jedes Mal, wenn wir zusammen entschieden „wird schon gut gehen“, ging es auch gut, und von den Malen, wo wir zusammen entschieden „wir brauchen Hilfe“, wäre auch noch das meiste gut gegangen. Womit ich nicht Schuld sein will, wenn der geneigte Leser das nächste Mal einen veritablen Knochenbruch, Darmkrebs oder Herzinfarkt übersieht und denkt, das werde sich schon zurechtwachsen…

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